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Seltene Erden – das Öl des 21. Jahrhunderts

China dreht den Rohstoffhahn weiter zu / Gesucht sind alternative Explorationsstandorte


FRANKFURT 20.01.2011 (Dow Jones). Seltene Erden sind auf bestem Wege, das Öl des 21. Jahrhunderts zu werden. Die weltweite Nachfrage nach diesen begehrten Hightech-Metallen wird derzeit zu 95% von China bedient. Die Volksrepublik besitzt damit eine nicht zu unterschätzende geopolitische Macht, denn Seltene Erden sind unter anderem für die Produktion von Smartphones, Flachbildschirmen, Elektromotoren, Leuchtdioden, Photovoltaikanlagen und Glasfasern nahezu unersetzlich. China weiß um seine Macht und nutzt diese auch. Seit mittlerweile sechs Jahren senkt das Riesenreich die Exportquoten für die Selten-Erd-Oxide. Im Dezember 2010 drehte China den Hahn weiter zu und reduzierte die Exportquote für das erste Halbjahr 2011 noch deutlicher als befürchtet.

Die Exportquote für die Hightech-Metalle beträgt für die ersten sechs Monate insgesamt 14.508 Tonnen. Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2010 ist dies ein Rückgang von 35%. Im Oktober noch hatte Peking von einer Reduzierung von „nur“ 30% gesprochen. Die künstliche Verknappung sorgt zunehmend für Kritik von den großen Verbrauchern wie den USA und Japan. Aber auch in Europa wächst die Angst vor einer Versorgungslücke bei Seltenen Erden. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) warnte vor einiger Zeit vor einer „Rohstofflücke“, die zur Bedrohung für die deutsche Industrie werden könne. „Wir stehen am Beginn einer Versorgungskrise“, konstatierte auch Harald Elsner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Daher waren Chinas Metallexporte laut Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) auch ein „ausführliches Thema“ beim jüngsten Deutschlandbesuch des chinesischen Vizeministerpräsidenten Li Keqiang.

Werner Schnappauf, Hauptgeschäftsführer des BDI hofft, dass die Chinesen mittels einer Kooperation zum Einlenken bewegt werden können. „Wichtig ist, mehr Effizienz in die Produktion Seltener Erden zu bringen. Die Technologien der deutschen Industrie bieten sich für die umwelt- und ressourcenschonende Produktion auch in China an“, sagte Schnappauf kürzlich der Tageszeitung „Die Welt“. Seltene Erden müssen nach Ansicht des BDI Gegenstand des freien Welthandels sein. Der Verband drängt darauf, dass Seltene Erden ein Thema auf dem kommenden G-20-Gipfel in Frankreich sind. Gegenwind bekommt China vermutlich auch bald von der Welthandelsorganisation WTO. Dort läuft eine Beschwerde gegen Chinas Exporteinschränkungen für Rohstoffe. Die EU, die USA sowie Mexiko sehen in der Kontrolle Pekings über den Abbau der Selten-Erd-Oxide einen unfairen Handelsvorteil für das Reich der Mitte.

Doch die westlichen Industrieländer sind an ihrer Abhängigkeit von China nicht ganz unschuldig. China hat zwar den überwältigenden Marktanteil von 95% beim Verkauf der Hightech-Metalle, die größten Vorkommen besitzt das Land aber nicht. Laut EU-Kommission liegt der Anteil Chinas an den weltweiten Reserven für Spezialrohstoffe nur bei 35%. Nach Angaben der US Geological Survey (USGS) werden die weltweiten Vorkommen insgesamt auf 99 Mio Tonnen geschätzt, von denen größere Teile unter anderem in den USA, Russland, Kanada und Grönland liegen. Auch Australien hat Reserven an Seltenen Erden. Darüber hinaus sind die Selten-Erd-Metalle auch nicht so selten wie der Name vermuten lässt. „Selten-Erd-Metalle gibt es in der Erdkruste auf allen Kontinenten“, heißt es von der USGS. Diese wurden aber aufgrund der sehr teuren Exploration und der bisherigen chinesischen Dumpingpreise kaum erschlossen. Unternehmen in den USA und Australien, die es dennoch wagten, gingen nicht selten in den Konkurs. Sie konnten mit den extrem umweltbelastenden Billig-Bergwerken im Reich der Mitte nicht mehr konkurrieren.

Dies dürfte sich nun ändern. Die weltweit steigende Nachfrage nach den Hightech-Oxiden hat die Preise innerhalb kurzer Zeit verfünffacht. Fieberhaft versuchen Hochtechnologie-Nationen wie die USA, Kanada, Australien und einige asiatische Länder deshalb, alternative Lieferländer zu finden beziehungsweise ihre eigenen Vorkommen zu erschließen und die Ausbeute der bestehenden Minen zu steigern. Auch Europa sieht sich nach anderen Lieferanten für Seltene Erden um. EU-Handelskommissar Karel De Gucht setzt dabei auf Grönland. „Ich glaube, in einigen Jahren wird die starke Position Chinas Geschichte sein“, sagte De Gucht.

Einem Bericht der französischen Tageszeitung „Le Figaro“ zufolge plant die EU-Kommission die Einrichtung eines europäischen Lagers für Seltene Erden. Der Zeitung zufolge soll ein entsprechender Vorschlag am 26. Januar vorgelegt werden. Darüber hinaus zielen die Maßnahmen der EU-Kommission auf eine Aufweichung europäischer Umweltschutzregeln ab, um die Förderung von Seltenen Erden zu erleichtern. Zudem will die Kommission vorschlagen, die Liste der 14 strategisch bedeutsamen Rohstoffe, auf der auch Seltene Erden stehen, alle fünf Jahre zu überarbeiten. Ein weiterer Vorschlag sehe die Gewinnung Seltener Erden durch Recycling vor, berichtete die Zeitung. Darüber hinaus erwägt die EU offenbar, erleichterte Zollregeln für jene Handelspartner aufzuheben, die die Ausfuhr von Selten-Erd-Oxiden einschränken.

Doch so einfach wird das Quasi-Monopol der Chinesen nicht zu brechen sein. „Die Entwicklung von Projekten zur Gewinnung Seltener Erden erfordert viel Zeit, großen technischen Aufwand und beträchtliches Kapital“, warnte Stephen Ward, CEO der australischen Rare Earth Minengesellschaft Arafura Resources. Der US-Minenbetreiber Molycorp will dennoch seine 2002 geschlossene Mine in Mountain Pass (Kalifornien) reaktivieren und bis Ende 2012 pro Jahr 20.000 Tonnen Selten-Erd-Oxide produzieren. Der weltweite Bedarf hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf derzeit gut 120.000 Tonnen pro Jahr verdreifacht. Nach Angaben der BGR kann die Nachfrage bis 2012 auf bis zu 190.000 Tonnen steigen.

Diese Zahl deckt sich in etwa mit den Erwartungen der australischen Lynas Corp, derzeit größter Förderer von Seltenen Erden außerhalb Chinas. Der Minenbetreiber in Mount Weld rechnet damit, dass die Nachfrage nach Hochtechnologiemetallen bis 2014 jährlich um 9% auf 190.000 Tonnen zulegen wird. Nach Berechnungen Lynas’ wird die weltweite Förderung von Seltenen Erden 2014 aber nur bei rund 170.000 Tonnen liegen. Davon werden Lynas zufolge 114.000 Tonnen in China gefördert, 20.000 im kalifornischen Mountain Pass und 22.000 im australischen Mount Weld. Rund 14.000 Tonnen könnten aus Indien und anderen Regionen kommen.

Doch die Versorgungslücke könnten andere Länder schließen. Neben den USA und Australien haben auch Kanada, Russland, Grönland sowie Brasilien gute Vorkommen an Seltenen Erden. „Dort bestehen bereits eine ganze Reihe von Explorationsprojekten“, sagte Gordon Peeling, Präsident der Mining Association of Canada, zu Germany Trade & Invest. Laut dem kanadischen Ministerium für Natürliche Ressourcen dürfte in Kanada zwischen 2012 und 2014 mit dem Abbau Seltener Erden begonnen werden. Vielversprechend soll das Nechalacho-Vorkommen des Unternehmens Avalon Rare Metals Inc. am Thor Lake in den North West Territories sein. Nach einer 2010 erstellten vorläufigen Machbarkeitsstudie könnte es sich dabei um eines der weltweit größten noch nicht entwickelten Vorkommen an Seltenen Erden handeln.

Vera Schrader